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Wanderausstellung "Rassismus geht uns alle an"

Was bedeutet Rassismus? Wo kommt er her? Welche Formen von Rassismus gibt es? Und was hat das mit mir, mit der Gesellschaft, mit Jugendarbeit und mit Kirche zu tun? Diesen und noch mehr Fragen gehen wir in unserer Wanderausstellung nach. 

Doch warum beschäftigen wir uns als BDKJ mit diesem Thema? Weil Rassismus uns alle an geht! Wir alle leben in einer Gesellschaft, in der Rassismus nach wie vor wirksam ist. Während Schwarze Menschen und People of Color (PoC) individuell, institutionell und strukturell Benachteiligung und Diskriminierung erfahren, profitieren weiße Menschen von eben dieser Diskriminierung, auch wenn das oft unbewusst bleibt. Sich des Problems von Rassismus bewusst zu werden und genau zu verstehen, wo und auf welche Weise er in der Gesellschaft wirkt, ist ein erster Schritt daran etwas zu verändern.

Mit der Ausstellung „Rassismus geht uns alle an“ wollen wir ermöglichen, diesen ersten Schritt zu gehen. Sie zeigt, wie Rassismus „funktioniert“, welche Rolle der europäische Kolonialismus bei der Entstehung gespielt hat und wie Rassismus im Alltag wirksam ist. Sie beschäftigt sich mit dem Widerstand gegen Rassismus und ermutigt, über eine Jugendverbandsarbeit nachzudenken, die sensibel mit Diversität und Vielfalt umgeht. Die Ausstellung schafft damit Grundlagen für eine weiterführende Auseinandersetzung und hoffentlich auch für echte Veränderung. 

Ab Januar 2023 kann die Ausstellung von Jugendgruppen ausgeliehen werden.

Alles Wissenswerte zur Ausstellung

Die Ausstellung besteht aus 7 Roll-Ups, 3 Banner, 1 Regal, 10 Hocker, 4 große und 15 kleine Bilderrahmen.

Nichts! Die Ausstellung ist für alle kostenlos.

Die Abholung erfolgt in der Regel in unseren Büroräumen in Köln.

Diözesankonferenzen, Leiter*innenwochenenden, Gruppenstunden, Pfarrfeste – euren Ideen sind keine Grenzen gesetzt. Ihr könnt die Ausstellung dort einsetzen, wo sie euch passend erscheint und ihr euch mit dem Thema Rassismus auseinandersetzen möchtet.

Die Ausstellung ist für Jugendgruppen ab 14 Jahren geeignet.

Anfragen bitte bis spätestens 4 Wochen vor dem gewünschten Ausleihtermin per Mail oder Telefon an uns.


"In den Köpfen und Herzen der Menschen"

Ein Interview mit Pfr. Regamy Thillainathan

Dass die "Black Lives Matter"-Bewegung auch in Deutschland sehr groß war, ist etwa zweieinhalb Jahre her. Wo sehen Sie aktuell das Problem, durch das es in unserer Gesellschaft im Jahr 2022 Rassismus gibt?

Ich glaube, dass Rassismus bei uns immer als Thema dann vorkommt, wenn unvorhersehbare Ereignisse unser Leben einholen oder wir aus dem normalen Alltag herausgerissen werden, weil wir feststellen, dass dieses Thema doch nicht überwunden ist. Diese Grundhaltung gibt es sehr stark in den Vereinigten Staaten, aber auch in Deutschland und überall anders auf der Welt: Wir meinen, durch Martin Luther King und all die großen Gestalten, in Bezug auf die Rechte der Schwarzen alles erreicht zu haben. Sie haben in den 60er- bis 80er-Jahren vermeintlich das erreicht, was zu erreichen war, nämlich dass Schwarze und Weiße nebeneinander friedlich koexistieren können, dass sie über gleiche Rechte verfügen und ihnen selbstverständlich die gleiche Würde zugesprochen wird.
Aber ich sehe in den Vereinigten Staaten, dass das, was de facto auf den Blättern der Konstitution niedergeschrieben wurde, im Alltag doch eine große Herausforderung ist. Wir sind natürlich auch geprägt von der Geschichte, die eben geschehen ist. Wir haben in Südafrika mit Nelson Mandela jemanden gesehen, den wir als Held feiern, weil auch da vermeintlich alles erreicht ist, was erreicht werden kann. Das ist noch gar nicht so lange her, es sind ja nur 30 Jahre. Jetzt meinen wir, wir können dieses Thema ad acta legen. Ich glaube, wir sind gar nicht so weit davon entfernt. Das, was jetzt ansteht, auch 2022, ist, dafür zu sorgen, dass das, was an Rechten erarbeitet worden ist, auch in den Köpfen und Herzen der Menschen ankommt.

Erst recht in der Kirche müssten wir Mitmenschlichkeit und die christliche Nächstenliebe finden. Wieso gibt es Rassismus gerade auch innerhalb der katholischen Kirche?

Weil es ihn nicht geben darf! Gerade weil man meint, wir hätten doch das verstanden, was Jesus von Nazareth gesagt hat, dass alle Menschen gleich sind. Wir haben doch die Nächstenliebe im Programm stehen, ins Stammbuch geschrieben bekommen. Man kann uns doch nicht vorwerfen, dass wir rassistisch sind.
Und da beginnt die große Schwierigkeit: Da, wo wir Themen einfach nicht anschauen wollen, weil es sie nicht geben darf. Das ist nicht nur beim Rassismus so, sondern bei allen Formen von Diskriminierung. Genauso existieren auch Homophobie und alles andere, was es nicht geben darf, nicht. Für uns als Kirche ist die größte Herausforderung, immer wieder bekennen zu müssen, dass zwar die Kirche das von ihrer Grundverfassung her überhaupt nicht beinhaltet und beinhalten kann und darf, aber wir Menschen, die Kirche sind, Kirche vor Ort leben und der Kirche ein Gesicht geben. Und wir sind da mit unseren menschlichen und vor allem gesellschaftlichen Schwierigkeiten nicht außen vor.
Wir müssen in der Diskussion um das Thema Rassismus in der Kirche ehrlich, aufrichtig und genau hinschauen: Wie weit sind wir noch in kolonialen Strukturen gefangen? Es ist Teil unseres Erbes – ob wir es wollen oder nicht – dass Rassismus, Kolonialismus und Kirche ganz eng miteinander verbunden sind. Man kann natürlich sagen, das hätten wir schon überwunden, diese Strukturen existierten nicht mehr, aber die Dekolonisation ist noch nicht eingetroffen. Das können wir nicht einfach übergehen. Wir müssen beides anschauen: Wenn wir über Rassismus sprechen, müssen wir auch über die kolonialen Strukturen, die immer noch irgendwo verankert sind, sprechen.

Der BDKJ-Diözesanverband Köln beschäftigt sich aktuell mit Rassismus in den eigenen Strukturen. Dazu gibt es eine Ausstellung "Rassismus geht uns alle an!". Was halten Sie davon, dass sich Jugendverbandler*innen auf diese Art und Weise mit dem Thema beschäftigen?

Wir haben ja eigentlich schon in den letzten Jahren immer wieder erlebt, dass viele Themen, die notwendigerweise die Kirche angehen, durch die Jugendverbandsarbeit wieder in die Kirche hineingeholt worden sind. Das Thema Klimagerechtigkeit beispielsweise: Jetzt sagen die Gemeinden alle, wir müssen Strom sparen und gut mit den Ressourcen umgehen. Noch aus meiner Jugendarbeitszeit kenne ich das, es war schon damals bei mir Thema. Und uns wurde immer noch gesagt, wir seien die ausufernde Generation der Grünen, die damals, also kurz nach meiner Geburt, gegründet worden sind.
Das hat eine gewisse Tragik, ist aber auch vielleicht die entscheidende Herausforderung, dass die Jugendverbandsarbeit manchmal auch schmerzhaft die Finger in die Wunden legen muss, wo die Kirche als großes Ganzes – nicht bewusst und auch nicht boshaft – aber in ihrer normalen Prägung einfach blind geworden ist. Das Thema Rassismus und gerade auch die Schwierigkeiten der "People of Colour" in Deutschland sind kirchlich gesehen zum ersten Mal von der Jugendverbandsarbeit aufgegriffen worden. Deswegen finde ich es auch folgerichtig, dass daran in der Jugendverbandsarbeit weitergearbeitet wird.
Aber ich glaube, dass auch beim Thema Klimagerechtigkeit die Jugendverbandsarbeit feststellen muss, dass es, bis das ankommt, ein paar Jahre dauert. Das ist dann eben so. Das darf aber ja nicht die Begründung dafür sein, das nicht anzugehen oder den Kopf in den Sand zu stecken. Es braucht gewissermaßen Zeit.
Ich vergleiche das gerne biblisch damit, dass Maria von Magdala nach der Auferstehung zu den Jüngern geht und sagt: "Jesus ist auferstanden, sein Grab ist leer!" Dann laufen zwei los: Johannes und Petrus. Johannes ist der Jüngere, steht für mich für die Jugend. Und Petrus stellt für mich die Amtskirche dar, er als der erste Papst. Es ist interessant, dass als erster Johannes am Grab auftaucht. Er ist der Schnellere und der erste, der es mitbekommt. Aber er wartet, bis Petrus, der alte Gebrechliche, auch ankommt und reingeht und feststellt: Es ist wahr.
Ich glaube, Johannes ist sehr stark mit Jugendverbandsarbeit verbunden: Ein bisschen schneller zu sein, aber dann auch geduldig zu warten. Nicht im Sinne von aufgeben, sondern einfach mit einem gewissen Verständnis auch fürs Alter. Das darf aber nicht die Begründung sein, aufzugeben.

Was wünschen Sie sich aktuell?

Es gibt zwei Dinge, die ich mir wünsche. Das eine wünsche ich mir tatsächlich von der Kommunität der Schwarzen, der Menschen mit Migrationshintergrund: Dass nicht alle Themen, alle Herausforderungen, nicht all das, was uns im Alltag begegnet, schnell mit dem Wort "Rassismus" abgetan wird. Das führt uns nicht weiter, wenn es rein auf dieser Ebene der Schuldzuweisung geschieht – dann bringt es uns nur zu einer gewissen Blockade von beiden Seiten.
Von den Weißen erwarte ich, dass, wenn das Thema Rassismus auftaucht, das nicht direkt als Vorwurf verstanden wird. Ganz oft höre ich bei Diskussionen in verschiedenen Kontexten und mit verschiedenen Gruppen, Sätze wie "Aber Sie wollen doch nicht sagen, dass ich rassistisch bin, wenn ich das und das tue ...". Dann erwidere ich: "Nein, ich meine Sie gar nicht und ich will auch gar nicht Ihre persönlichen Erfahrungen infrage stellen. Ich kann Ihnen nur von meiner Seite erzählen, wo ich an meine Grenzen komme." Deswegen habe ich mit den Menschen mit Migrationshintergrund angefangen, weil ich glaube, wir haben eine Verpflichtung, mit viel Wohlwollen und Verständnis, die Menschen auf Dinge hinzuweisen, ohne dass sie sich selbst in Verteidigungshaltung begeben müssen. Denn das führt immer wieder dazu, dass das, was uns vielleicht auch zusteht, nicht erreicht werden kann, weil es nicht in den Herzen und Köpfen der Menschen ankommt. Wir brauchen, glaube ich, ein sehr wohlwollendes Miteinander, um auf Dinge hinzuweisen, ohne dass direkt eine Verteidigungshaltung aufgebaut wird.
Dass sich Menschen schnell angegangen fühlen, halte ich momentan für die größte Schwierigkeit in unseren Diskussionen. Das hat aber nicht nur mit Rassismus zu tun, sondern mit verschiedenen Themen der Gesellschaft. Eine persönliche Verteidigungshaltung führt dazu, dass wir die Themen nicht ansprechen können.
Man sieht beispielsweise, wie emotional die Diskussion um das "Blackfacing" bei der Sternsingeraktion ist. Viele Menschen, die ich sehr gut kenne und denen ich auch niemals in irgendeiner Form etwas Böses unterstellen will, sagen plötzlich: "Du kannst doch nicht sagen, dass ich jetzt rassistisch bin – ich habe als Kind immer gerne mein Gesicht schwarz angemalt und ich sehe darin auch kein Problem." Da merke ich schon, dass es eine große emotionale Herausforderung ist.

Das Gespräch hat Kathi Geiger geführt.

 

   Die Eröffnung der Ausstellung "Rassismus geht uns alle an!" fand am 9. November in der Kirche
   St. Clemens in Köln-Mülheim statt.

   Hier seht ihr ein Video, das Markus Lehr vom Erzbistum Köln erstellt hat.

   Zum Video: https://d2csxpduxe849s.cloudfront.net/media/A5B6C0E0-1080-470F-A9E812622B342B26/DA2CF3B4-E966-4859-B3EEF55395063C5D/026F8675-237E-4170-A6919B5122A83D46.mp4

 

In der AdventsZeit 2022 ist das Interview mit Pfr. Regamy (s. oben) erschienen. Das Magazin vom Erzbistum Köln erscheint halbjährlich als SommerZeit und AdventsZeit und erreicht alle katholischen Haushalte im Erzbistum. www.mehr-auszeit.de/adventszeit-2022/flippingbook/36/index.html

 

 

 

 


Euer Kontakt bei Fragen rund um die Ausstellung:

Katharina Kube

Referentin für Jugend- und

Gesellschaftspolitik

(0221) 1642 6569

politik (a) bdkj.koeln

 

 

 

 


– BDKJ Diözesanverband Köln 2021